Tomi Ungerer

* 28.11.1931 in Straßburg
† 09.02.2019
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Angelegt am 10.02.2019
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Gedenkkerze

Michael Rittgardt

Entzündet am 19.02.2019 um 16:18 Uhr

„Adieu“ Michael

Kondolenz

DANKE

12.02.2019 um 16:48 Uhr von Silvia Ratzow

Danke für unzählige tolle Grafiken, die mich zum Schmuntzeln gebracht haben. Mein herzliches Beileid en alle Hinterbliebenen

Tomi Ungerer

10.02.2019 um 10:01 Uhr von Redaktion

 

Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer (* 28. November 1931 in Straßburg, Frankreich; † 8. oder 9. Februar 2019 in Cork, Irland) war ein französischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator von Bilderbüchern für Kinder und Erwachsene. Ungerer verstand sich als Elsässer und überzeugter Europäer. Er lebte abwechselnd in Irland und in Straßburg.

Leben

10.02.2019 um 10:01 Uhr von Redaktion

 

Kindheit

 

Tomi Ungerer wurde 1931 nach zwei Schwestern und einem Bruder als jüngstes Kind der Familie geboren. Sein Vater Théodore Ungerer war der Familientradition nach Uhrmacher und Turmuhrenfabrikant, aber auch ein Künstler, Historiker und Büchersammler, der unter anderem die Astronomische Uhr des Straßburger Münsters wartete. Er entwarf und baute auch die größte astronomische Uhr der Welt im Dom von Messina auf Sizilien. Großvater Alfred Ungerer war ebenfalls Turmuhrenfabrikant. Ungerers Mutter Alice, geborene Essler (gestorben 1989), stammte aus einer oberrheinischen Industriellenfamilie. Er lernte seinen Vater nie richtig kennen, denn dieser starb 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung, als Tomi dreieinhalb Jahre alt war. Später widmete er einige Bilderbücher ausdrücklich vierjährigen Kindern.

 

Die Mutter zog nach dem Tod des Vaters mit Tomi und seinen drei Geschwistern zurück in ihr Elternhaus nach Logelbach, einem Industrievorort von Colmar, das von der Firma Haussmann zur Verfügung gestellt worden war. Der Vater von Ungerers Mutter war technischer Direktor bei der Spinnerei Haussmann. Ungerer wurde als Kind von seinen Spielkameraden ferngehalten, und zu Hause sprach man nur Französisch, denn Elsässisch galt als die Sprache des Volkes. In seinem Kinderbuch Kein Kuß für Mutter (1974) spielt er auf diese Fürsorglichkeit an. Als Jüngstem in der Familie habe man ihm nie zugehört und ihn nicht ernstgenommen, dafür habe man ihm alle Streiche durchgehen lassen.

 

Erst im Alter von neun Jahren wurde Ungerer wegen der deutschen Besatzung und ihrer Einführung der Schulpflicht in die Volksschule eingeschult. Innerhalb von drei Monaten erlernte er die deutsche Hochsprache und den elsässischen Dialekt. Auf diese Weise erlebte er die allgemeine Unterdrückung durch die Deutschen zunächst als eine persönliche Befreiung. Ungerer lernte sich anzupassen, zu Hause war er Franzose, in der Schule der deutsche Hans und bei seinen Spielkameraden ein Elsässer. Trotz dieser Beschwernisse schätzte er sein Familienleben als bildend und aufbauend für Geist und Gemüt ein: „Ich bin wirklich aufgewachsen mit dem Respekt vor der Schönheit der Natur. Und das hat mich total geprägt, mein ganzes Leben. Wir hatten ein echtes altmodisches Familienwesen: Jeden Abend nach dem Essen wurde Karten gespielt, aus Büchern vorgelesen oder gesungen.“ Er wurde von früh an ermutigt, zu zeichnen und zu schreiben. Seine Bushaltestelle zur „Matthias Grünewald-Schule, Oberschule für Jungen“ (heute „Lycée Bartholdi“) in Colmar lag vor dem Musée d’Unterlinden, in dem er sich immer bei Regen aufhielt und so oft Grünewalds Isenheimer Altar bewundern konnte.

 

Seine Schuljahre wurden zunehmend von Krieg und Besetzung geprägt. Im Erdgeschoss des Elternhauses wurde ein Wehrmachtsoffizier einquartiert. Gegenüber lag die Fabrik Haussmann, die zu einem Gefangenenlager umfunktioniert wurde. Im Winter 1944/1945 wurde drei Wochen lang in einem Stellungskrieg um den Brückenkopf Elsass (frz. Poche de Colmar) gekämpft.

 

Der zweimalige Wechsel der Unterrichtssprache von Französisch zu Deutsch, was durch autoritäre, nationalsozialistische Lehrer repräsentiert wurde, und wieder zurück zum Französischen, das nun ebenso konsequent durchgesetzt wurde, belasteten ihn ebenso wie die Tatsache, dass nicht nur Hochdeutsch, sondern auch der regionale Dialekt verboten wurde. Ungerer bezeichnet die Vorgehensweise der Franzosen als ein „kulturelles Verbrechen“ (crime culturel) und einen „kulturellen Mord“. Ihm wurde nahegelegt, seinen Akzent abzulegen, bevor er sich mit französischer Literatur beschäftige. Das führte zu Schwierigkeiten mit dem Französischen, so dass er knapp das Baccalauréat (Abitur) verfehlte. Schließlich wurde er in seinem Abschlusszeugnis als „pervers und subversiv“ beurteilt.

 

Wanderjahre

 

Während der Besatzungszeit lernte er nach der Berlitz-Methode so gut Englisch, dass er nach dem Krieg als Dolmetscher für die französischen Offiziere arbeiten konnte. Seine frühen Jahre wurden zu ruhelosen Lehr- und Wanderjahren, er fuhr auf dem Fahrrad durch Frankreich, später quer durch Europa, die Reisen führten ihn auch zu einem Méhari-Kamelreiter-Regiment in Algerien bei der französischen Fremdenlegion, wo man nur „Nazilieder“ gesungen haben soll. Wegen einer Rippenfellentzündung lag er sechs Monate im Lazarett, dabei lernte er die arabische Musik kennen. Nach seiner Ausmusterung führten ihn seine Wanderungen zu Fuß und per Anhalter bis nach Nordnorwegen bei Murmansk ins sowjetische Grenzgebiet, danach war er auf kleinen Frachtern als Matrose im Nordatlantik unterwegs. Im Oktober 1953 schrieb er sich für ein paar Monate in der Straßburger École Municipale des Arts Décoratifs ein.

 

Sein Respekt vor dem Bildungsgut des Bildungsbürgertums, die Liebe zu den Büchern und besonders zur Malerei einerseits und seine hohe Energie und Willenskraft, sich mit Neuem auseinanderzusetzen und Grenzen zu überwinden, andererseits eröffneten ihm die US-amerikanische Kultur in Straßburg. Im amerikanischen Kulturzentrum (Centre Culturel Américain) entdeckte er die Werke des Cartoonisten Saul Steinberg und des Zeichners James Thurber. Bald stand sein Entschluss fest, sein Glück in der Neuen Welt zu suchen.

 

USA

 

1956 wanderte Ungerer mit 60 Dollar und einigen Zeichnungen in der Tasche in die USA, nach New York, aus. Unterernährt und krank und von der Notfallstation eines Krankenhauses abgewiesen, wo man ihm eine Behandlung verweigerte, da er nicht genug Geld hatte, sprach er anderntags bei der Kinderbuchlektorin von Harper, Ursula Nordström vor, um einen Vertrag für sein Kinderbuch zu erhalten. Sie gewährte ihm einen Vorschuss von 500 Dollar. 1957 gewann er seinen ersten Preis für sein erstes illustriertes Kinderbuch, The Mellops go flying, eine Geschichte mit kleinen Schweinchen. Programmatisch für sein Lebenswerk vereinten sich in den Figuren der kleinen Schweinchen kindliche Unschuld und in symbolischer Hinsicht das Laster. Das Buch wurde zum Bestseller. Im selben Jahr knüpfte er den Kontakt mit seinem späteren Hausverlag, dem Zürcher Diogenes Verlag. Nun arbeitete er gleichzeitig als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker.

 

Mitte der 1960er Jahre schockierte Ungerer mit den Cartoonbänden Geheimes Skizzenbuch und The Party, in denen er auf drastisch-satirische Weise die New Yorker Schickeria aufs Korn nahm. Ungerers Kreativität kannte nun auch keine Genregrenzen mehr, und er wandte gern alle Zeichentechniken an. 1969 erschien Fornicon, das später in England verboten wurde. Die Karikaturen stellten Potenzwahn, Sexismus und Gier bloß. Seine Drastik und Radikalität blieben immer die Mittel eines Moralisten. Die Ironie der dargestellten sexuellen Praktiken basierte auf dem Prinzip der Übertreibung und dem Übermaß einer noch nie gesehenen Technisierung und Mechanisierung sexueller Wünsche. Ungerer war daher nicht nur mit der Prüderie in den USA und England konfrontiert, sondern später auch mit der Rachsucht der Ostküsten-High-Society.

 

Daneben zeichnete er auch Film-Plakate u. a. für die Star-Regisseure Stanley Kubrick (Dr. Seltsam) und Otto Preminger. In seiner New Yorker Zeit teilte er sich mit dem Schriftsteller Philip Roth ein Ferienhaus auf Long Island. Zu seinen weiteren literarischen Freunden zählen Tom Wolfe und Saul Bellow.

 

Trotz einer liberalen Aufbruchsstimmung in den USA stießen seine satirischen und erotomanischen Zeichnungen dort auf immer mehr Kritik. Ungerer wurde vom FBI beobachtet, und auch seine Kinderbücher wurden verboten. Kein Kuss für Mutter erhielt in den USA den Preis für das schlimmste Kinderbuch, da darin u. a. Toby mit seinem Freund Zigarre raucht und beim Frühstück mit seinen Eltern eine Flasche Schnaps auf dem Tisch steht. Mit Bildern wie diesen hält er sich zugute, einen neuen Realismus in die Kinderbuchliteratur eingeführt zu haben: „Keiner hat die Kinderbuchtabus so zerschmettert wie ich.“ In seinen Kinderbüchern spielen eher negativ bewertete Tiere wie Schlangen, Esel, Schweine, Tintenfische und Fledermäuse eine positive Hauptrolle, um damit Vorurteile gegenüber den Tieren und auch im Allgemeinen abzubauen

 

Schrittweise Heimkehr

 

Ungerer verließ New York 1971 nach 14 Jahren und suchte mit seiner zweiten Frau, der US-Amerikanerin Yvonne Wright, die ländliche Ruhe und Inspiration auf einer Farm im kanadischen Neuschottland. Nach der jahrelangen Arbeit am Großen Liederbuch (1975) trieb ihn das Heimweh wieder zurück nach Europa. In den 1970er Jahren entwarf er für den französischen Lebensmittelproduzenten Bonduelle mehrere Werbefiguren. Zu Beginn der 1980er Jahre entwarf Ungerer für den deutschen Computerhersteller Nixdorf ein neues Bild in der Werbung und gestaltete Wandkalender mit historischen Schreib- und Rechenmaschinen.

 

Seit 1976 lebte Ungerer mit seiner Frau, seiner Tochter (geb. 1976) und seinen beiden Söhnen (geb. 1978 und 1980) abwechselnd in Straßburg und auf einer 160 Hektar großen Farm nahe der Stadt Cork in Irlands Südwestprovinz Munster. Dort widmete er sich der Schaf- und Rinderzucht.1985 wohnte er für einige Monate in Hamburg bei der damals als Domina tätigen Domenica Niehoff, um sich Anregungen für einen Bild- und Interviewband über BDSM-Praktiken zu holen (Die Schutzengel der Hölle, 1986). Ungerer überwand Mitte der 2000er Jahre eine jahrelang andauernde, schwere gesundheitliche Krise mit drei Herzinfarkten und einer Krebserkrankung und fand danach erneut zu seiner alten Produktivität zurück.

 

In seinen letzten 40 Jahren brachte er rund 40.000 Zeichnungen zu Papier und veröffentlichte über 140 Bücher. Ab 1979 waren seine Werke in etwa 100 Ausstellungen zu sehen.

 

Ungerer bezeichnete sich selbst als einen „Aufzeichner“: „Ich zeichne, was ich aufschreibe, und ich schreibe auf, was ich zeichne, um einen Gedanken klar, kurz und bündig auszudrücken.“

 

Ungerer starb in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2019 im Alter von 87 Jahren im Haus seiner Tochter im irischen Cork

Soziales und kulturelles Engagement

10.02.2019 um 09:58 Uhr von Redaktion

 

Neben seiner künstlerischen Arbeit setzte sich Ungerer unter anderem auch für Aktionen und Programme ein, um jugendliche Straftäter von der Straße zu holen, für eine Integration von Einwanderern in französischen Schulen sowie für eine Hilfe für Aidspatienten und krebskranke Kinder. Ungerer selbst sah sich nicht als Franzose oder Deutscher, sondern als Elsässer, und bezeichnete sich als überzeugten Europäer. Im Sommer 2010 stellte er für eine Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen bei Worms ausgewählte Grafiken und Zeichnungen zur Verfügung. Ungerer war auch ein Gourmet, und als Genießer der elsässisch-badischen Küche war er auch mit Meisterköchen befreundet, so etwa mit Philippe Schadt in Blaesheim (Chez Philippe) oder mit dem Chansonnier und Kabarettleiter Roger Siffer; beide stellen für ihre Gäste Ungerers Aquarelle und Zeichnungen aus.

 

Mitgliedschaften

 

Gründung der „Vereinigung Kulturbank“ 1990 in Straßburg

Mitarbeit in der „Commission interministérielle franco-allemande“ ab 1987

„Botschafter für Kindheit und Erziehung“ für den Europarat seit 2000

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